44 Delegierte von 34 Riga-Städten werden Anfang Juli nach Riga fahren. Sie kommen aus so unterschiedlichen Städten und Gemeinden wie Bochum und Brno (Brünn), Detmold und Dresden, Herten und Hamburg, Kassel, Münster, Nottuln und Wien. Sie alle sind Mitglieder des Riga-Komitees. Schwerpunkte der Fahrt werden das Gedenken an Deportation und Ermordung jüdischer Menschen in Riga vor 85 Jahren sein sowie die Einweihung der Gedenkstätte Riga-Bikernieki vor 25 Jahren.
Riga, die blumenverliebte lettische Hauptstadt am Ostseestrand mit ihrer jungen, musikbegeisterten Bevölkerung hat eine bewegte Geschichte mit düsteren Kapiteln. Der Erinnerung daran hat sich das Riga-Komitee verschrieben – ein einzigartiges europäisches Städtebündnis.
Enthüllung einer verdeckten Tragödie
In den Wintermonaten 1941/42 wurden über 25 000 jüdische Kinder, Frauen und Männern aus dem Deutschen Reich nach Riga deportiert, die allermeisten von ihnen wurden dort ermordet. Lange war das kaum bekannt. Dem Politiker und ehemaligen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei ist es zu verdanken, dass er bei einer Spurensuche 1989 in Lettland diese vergessene Tragödie aufdeckte: „Die Deportation war eine Schande. Unfassbar war, wie die Menschen gequält und ermordet wurden. Die zweite Schande war, dass die Orte völlig verfallen waren, dass es keinerlei Zeichen der Erinnerung gab. Die Menschen joggten oder picknickten an den Orten der Ermordungen“, erinnert er sich. In seiner Heimatstadt Münster initiierte er zum Jahrestag der Deportation eine Gedenkveranstaltung. Das war der Anstoß, dass Riga als Deportationsort in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland erstmals wahrgenommen wurde und der auch zur Gründung des Deutschen Riga-Komitees führte.
Einzigartiges erinnerungskulturelles Städtebündnis
Im Mai 2000 schlossen sich auf Initiative des damaligen Volksbund-Präsidenten Karl-Willhelm Lange 13 deutsche Städte, aus denen die jüdische Bevölkerung nach Riga deportiert worden waren, zu einem erinnerungskulturellen Städtebündnis zusammen. Damit übernahmen sie die Aufgabe, an ihre ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu erinnern. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist Gründungsmitglied des Riga-Komitees. Bundesvorstandsmitglied Dr. Gundula Bavendamm wird ihn vertreten. Auch Winfried Nachtwei wird teilnehmen.
34 Delegationen der Mitgliedsstädte aus drei Ländern werden am 2. Juli die Gedenkorte Rumbula und den Bahnhof Skirotova sowie die Überreste des Konzentrationslagers Jungfernhof besuchen. Dort werden sie gemeinsam mit Ilya Lensky, Direktor des Museums der Juden in Lettland, Kinder von Überlebenden treffen.
Auch Bürgermeister Dr. Dietmar Thönnes und Gemeinderechtsdirektor Stefan Kohaus werden an der Erinnerungsreise nach Lettland teilnehmen, um das Gedenken an die so grausam ermordeten Menschen wachzuhalten. „Für eine Gemeinde wie Nottuln bedeutet der Besuch in Riga, dass wir die Namen, Schicksale und Geschichten wachhalten. Wir zeigen, dass die Ermordeten nicht vergessen sind. Und wir machen deutlich, dass Demokratie, Menschenwürde, Toleranz und Zivilcourage jeden Tag verteidigt werden müssen“, machen Dietmar Thönnes und Stefan Kohaus deutlich.
Niemand bleibt unberührt
Am nächsten Tag werden die Delegierten die Gräber- und Gedenkstätte Riga-Bikernieki besuchen – ein authentischer historischer Ort, der niemanden unberührt lässt. Die 55 Massengräber sind durch steinerne Umrandungen erkennbar gemacht. Auf Steintafeln stehen die Namen der Heimatstädte der Toten. Unterschiedlich hohe Granitstelen sollen an die Menschen erinnern, die sich angesichts ihrer Ermordung zusammendrängten.
2022 installierte der Volksbund dort eine Außenausstellung, die Besucher über die Geschichte des Ortes informiert.
Die Delegationen werden auch an der offiziellen Gedenkveranstaltung zum lettischen Holocaustgedenktag an der Ruine der Großen Choral-Synagoge teilnehmen.
Die Städte haben die Aufgabe übernommen, das Gedenken an ihre jüdischen Bürgerinnen und Bürger wachzuhalten. Aber auch der letzte Überlebende des Massakers, der inzwischen 100-jährige Margers Vestermanis hinterlässt einen Auftrag: „Wenn ich nicht die Gewissheit gehabt hätte, dass es auch gute Menschen gibt, hätte ich nicht leben können.“